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Digitalisierung: Von der Insellösung zum Ökosystem

Im breiten Spektrum der Produkteanbieter setzt sich dank der Digitalisierung ein grundlegender Trend durch: Neue mobile Plattformen und ganze Ökosysteme ersetzen nach und nach die althergebrachten Insellösungen.

Die Optimierung von Standardprozessen und Schnittstellen steht in den Digital­strategien von europäischen Immobi­lienunternehmen ganz oben auf der Agenda. 84 Prozent nennen diesen As­pekt als wichtigen Schwerpunkt. Das hat kürzlich eine Befragung von Union Investment unter 150 Immobilieninvestoren in Deutschland, Frankreich und in Gross­britannien ergeben. Ähnlich starken Zuspruch finden die Verbesse­rung der IT-­Sicherheit und des Daten­schutzes sowie die Optimierung der Kundenkommunikation.

«Goldgräberstimmung»

Auch unter Schweizer Immobilienakteu­ren schreitet die Digitalisierung zuse­hends voran. Hier sind es vor allem die Anbieter von Softwarelösungen, die das Tempo vorgeben. Etablierte Unterneh­men richten sich neu aus, neue Firmen wie PropTechs tauchen zahlreich auf. Für David Wolfensberger, CEO der W&W Immo Informatik AG, ist der Anbieter­markt in den vergangenen zwei Jahren klar kompetitiver geworden. «Es sind hohe Investitionen nötig, um innovative Produkte zu entwickeln und die Kunden in der digitalen Transformation zu un­terstützen. Es gibt nicht viele Anbieter, die dies langfristig gewährleisten kön­nen», erläutert er die aktuelle Markt­situation.

Auch Thomas Hadorn, Head of Marke­ting & Sales bei GARAIO REM, stimmt dem zu: «Der Anbietermarkt für Software­-Produkte in der Immobilienbranche hat sich in den letzten zwölf bis 24 Monaten massgeblich verändert. War der Markt vor ein paar Jahren noch geprägt von einer Handvoll etablierter Softwarepro­dukte, welche die Unternehmen vor­nehmlich in ihren Kernprozessen unter­stützten, so zeichnet er sich heute durch eine enorme Vielfalt an neuen Anbietern aus.» Die Digitalisierung der Immobi­lienbranche habe zu «einer regelrechten Goldgräberstimmung in der PropTech­-Szene» geführt, so Hadorn

Start­ups mit mehr oder weniger sinn­vollen digitalen Services würden wie Pilze aus dem Boden schiessen und ver­suchen, sich im Markt zu behaupten, so Hadorn weiter. «Für die Anbieter stehen mit dieser Entwicklung zwei Prämissen im Vordergrund: Nur wer mit der Inno­vationskraft der Start­ups mithalten kann, wird sich auch langfristig im Markt halten können – und der Weg zum Erfolg führt über die richtigen Kooperationen und Allianzen, denn der Markt wird be­stimmt eine Konsolidierung erfahren.»

Weg von Individuallösungen

Für Oliver Meyer, CEO und Inhaber der Löwenfels Partner AG, die ihren Fokus auf das Dokumentenmanagement für Immobilienverwaltungen richtet, geht die heutige Nachfrage «in Richtung fixfertige Produkte, die der Anbieter laufend weiterentwickeln muss». Dies bringe der Immobilienbranche Vorteile, weil administrative Arbeiten vereinfacht werden und alle notwendigen Informationen schnell verfügbar sind. Es führe vor allem zu einer kostengünstigen Bewirtschaftung der Liegenschaften, betont Meyer. Bis vor einigen Jahren seien branchenweit für die Kunden vor allem Individuallösungen entwickelt worden. «Somit wurden meistens Softwarelösungen und Projektdienstleistungen verkauft.»

Heute gehe die Reise in eine andere Richtung. Auch sei bei den Software-Anbietern eine Zeit lang der Drang in die Cloud gross gewesen. «Heute ist dies eher nicht mehr der Fall», so Meyer. Immer wichtiger sei darüber hinaus die Mobilität der Applikationen. Immobilienunternehmungen wollten mit ihren Kunden und Stakeholdern papierlos kommunizieren. «Informationen müssen per E-Mail oder via Apps auf Smartphone oder Tablet funktionieren respektive einsehbar und bearbeitbar sein», sagt Meyer. «Die Kommunikation ist teilweise bidirektional. Der Austausch zwischen dem Unternehmen und Kunden ist nicht mehr einseitig, und er geschieht auch ortsunabhängig.»

Effizienz schafft Mehrwert

David Wolfensberger nennt als konkrete Beispiele die neu entwickelte Abnahme-App von W&W Immo Informatik oder das komplett neue Portal der Unternehmung, welches die Kommunikation zwischen Bewirtschaftung und allen beteiligten Parteien stark vereinfache. Mit dem Portal binde man alle beteiligten Akteure der Immobilienbewirtschaftung in die digitalen Prozesse ein. Es diene als Kommunikationsdrehscheibe für Mitarbeiter, Eigentümer, Stockwerkeigentümer, Hauswarte, Mieter und Genossenschafter. Wolfenbergers Ziel: «Hocheffiziente Dienstleistungen erbringen und damit Mehrwerte schaffen.»

Auch bei GARAIO verfolgt man mit der im April neu gegründeten Gesellschaft GARAIO REM AG eine Plattformstrategie für die Immobilienbewirtschaftung: «Entlang der Wertschöpfung vom Eigentümer über die Bewirtschaftung bis hin zum Mieter sind durchgängige Prozesse ohne Medienbruch gefragt», sagt Hadorn. Das Unternehmen habe entscheidende Trends rechtzeitig antizipiert und das einstige Produkt REM mit GARAIO REM «zukunftsorientiert konzipiert». Die Immobilienbewirtschaftungssoftware werde zudem stetig entsprechend den Kundenbedürfnissen erweitert, so Hadorn. Aktuell zum Beispiel mit den neuen Modulen An- und Umsatzmiete. Gegen Ende Jahr sollen dann die ersten Anwendungsmöglichkeiten für die effiziente Interaktion zwischen Mieter und Bewirtschaftung vorgestellt werden, kündigt der GARAIO-Marketingchef an.

Dass sich Investitionen in die Digitalisierung auch für Immobilienunternehmen rechnen, steht beim Gros der Branche inzwischen nicht mehr in Zweifel: Zwei von drei Immobilienunternehmen aus der eingangs erwähnten Befragung von Union Investment gehen davon aus, dass sich Investitionen in die Digitalisierung ihres Geschäfts nach spätestens drei Jahren rentieren werden.

Dieser Beitrag erschien erstmals im Schweizer Fachmagazin IMMOBILIEN BUSINESS (Ausgabe 9/2019).

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