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«Züglete¹…»

DOMBLICK - Kolumne Digitales Bauen von Adrian Wildenauer HWZ - Folge X

Willkommen in der kleinen, imaginären Planungs- und Baufirma von Beate Bütikofer und Hermann Hugentobler, irgendwo in der Schweiz. Ausgezeichnet aufgezeichnet von Adrian Wildenauer, zuvor Professor für Digitales Bauen an der BFH Berner Fachhochschule, nun (seit dem 1.2.2026) ist er Leiter des Center Digital Building & Real Estate an der HWZ – Hochschule für Wirtschaft Zürich. Heute also Folge 10 seiner DOMBLICK-Gast-Kolumne zum Thema Digitales Bauen.

Beate bezeichnet sich selbst als «digital open native» und das ist sie mit unbändiger Leidenschaft. Immer die neuesten Gadgets dabei und flexibel im Arbeiten. Hermann bezeichnet sich selbst als «digital naiv» und hält nur bedingt etwas von neuen Technologien. Für ihn zählen sein (in farbigen Ordnern sorgfältig dokumentiertes) Fachwissen sowie sein grosses und regelmässig gepflegtes Netzwerk. In den nächsten Kolumnen begleiten wir die beiden ein bisschen. Sie werden auf Herausforderungen treffen, die der Autor aus eigener Erfahrung kennt. Ähnlichkeiten mit dem realen Leben sind durchaus beabsichtigt – sind wir ehrlich, jede und jeder von uns kennt zwei solche Kolleg:innen.

Ein neues Quartier kommt, das Baufirma-Büro muss weichen

Manchmal kommt der Wandel nicht als Strategiepapier, sondern als eingeschriebener Brief, ohne Vorwarnung, ohne Spass. In diesem Fall mit dem Betreff: «Kündigung Mietvertrag per Ende Quartal aufgrund Grossbaumassnahme». Hermann Hugentobler liest das Schreiben zweimal, dann ein drittes Mal, langsamer. «Das ist sicher ein Fehler“, sagt er schliesslich. «Wir sind doch seit 20 Jahren hier.» – «Eben», meint Beate trocken, «wer weiss, ob das stimmt. Wir warten mal ab.»

Es beginnt, wie solche Dinge immer beginnen: mit Gerüchten, mit Diskussionen an der Kaffeemaschine, die derzeit noch mehr läuft als auch schon. Zuerst sind es nur vage Hinweise beim Kaffee, dann ein beiläufiger Satz im Gespräch mit dem Hauswart. «Da kommt etwas Grosses», heisst es. «Ein neues Quartier.» Hermann Hugentobler winkt ab. Quartiere kommen und gehen, ihr Büro bleibt. Das war schon immer so.

Bis plötzlich Bauprofile auftauchen. Erst eines, dann zwei, dann ein ganzer Wald aus Stangen, die weit in den Himmel reichen. Beate Bütikofer bleibt mit ihrem Velo am Morgen stehen, liest die kleine Tafel und zieht eine Augenbraue hoch. Der Name der Projektentwicklerin prangt in grossen Buchstaben darauf: Zita. Natürlich. Sie hat schon wieder einen Auftrag gewonnen.

Was folgt, ist eine stille, aber unmissverständliche Dynamik. Termine werden verschoben, Besichtigungen angekündigt, Briefe kommen mit ungewöhnlich höflichem Tonfall. Man bedankt sich für die langjährige Treue, spricht von «städtebaulicher Aufwertung» und «neuen Nutzungskonzepten». Hermann liest zwischen den Zeilen, was da eigentlich steht: Ihr Platz wird gebraucht.

Zitas Quartier wächst in den Visualisierungen schneller, als ihnen lieb ist. Glänzende Fassaden, Bäume auf den Dächern, Cafés, Flaniermeilen, wo früher ihr Büro stand. Beate nennt es Fortschritt. Hermann nennt es Verdrängung mit Beton. Am Ende bleibt ihnen nichts anderes übrig, als Platz zu machen. Für ein Quartier. Und für Zita.

Die «Züri-Züglete» will aufgegleist sein

Die Stimmung im Büro kippt von routiniertem Alltag zu latentem Ausnahmezustand. Zügeln. Und zwar über den Kantonsrand hinaus. Von Bern nach Zürich. Für Beate klingt das nach Aufbruch, für Hermann nach Stau, höheren Mieten und Menschen, die zu schnell sprechen und immer hektisch sind, vor allem auf dem Perron des HB. Doch der Entscheid fällt rasch. Der neue Mietvertrag ist unterschrieben, die Züglete beschlossene Sache. Übername «Züri-Züglete».

Schon beim Packen zeigt sich, dass Ordnung relativ ist. Während Beate versucht, Listen zu führen und alles sauber, koordiniert, nachvollziehbar und transparent im CDE abzulegen, tauchen immer neue Kisten auf. «Sind diese Ordner digitalisiert?», fragt sie. «Teilweise, also wurde mir gesagt», sagt Köbi. «Welche Teile?» – «Die wichtigen.» – «Welche sind das?» – Schweigen.

Im Serverraum blinkt es geheimnisvoll. Niemand weiss genau, welche Projekte noch lokal laufen und welche bereits im CDE sind. Benno findet einen USB-Stick mit der Aufschrift «dringend!!!», Carlo einen Ordner namens «neu_alt_final_revision2». Ein Bauherr ruft an und fragt nach dem aktuellen Terminplan. Hermann sucht im CDE, in alten E-Mails, in seinem Aktenschrank. Drei Versionen, alle unterschiedlich. Keine stimmt ganz.

Der Umzugstag selbst verläuft erstaunlich ruhig, bis sie im neuen Büro in Zürich ankommen. Die zwei wichtigsten Maschinen laufen: Kaffeemaschine und WLAN, aber ein laufender Wettbewerb ist plötzlich nicht auffindbar. Beate wird bleich. «Ohne den sind wir raus, da haben wir vier Monate mit fünf Personen drangesessen und uns die Nächte für den besten Entwurf gerungen und mit digitalen Modellen simuliert und optimiert.» Hermann sagt nichts, was selten ein gutes Zeichen ist…

Entscheidendes Lernen zwischen Bern und Zürich

Da räuspert sich Erna. «Also… ich weiss nicht, ob das hilft. Aber ich hab gestern Abend noch gschwind ein Backup gemacht. Vom CDE, vom Server, und von allem, was irgendwie nach Projekt aussah. Sicher ist sicher. Kann man alles mal brauchen, weisst, Hermann, das mach ich regelmässig, kenne doch meine Leutchen hier.» Beate reisst ihr die Festplatte aus den Händen: Sie klickt, lädt hoch, und Stück für Stück taucht alles wieder auf. Pläne, Versionen, Termine. Sogar der Wettbewerb mit allen Renderings, Simulationen, Optimierungen und und und und. Stille. Dann kollektives Aufatmen. Hermann lehnt sich zurück. «Erna», sagt er feierlich, «ich hab dich immer unterschätzt.»

Erna winkt ab. «Man weiss ja nie. Und beim Zügeln geht gern was verloren. Bei uns damals mit Erwin, meinem Mann und den zwei Kindern…» Jedoch ging ihre vermutlich wichtige historische Begebenheit im lautstarken Auspacken der Kartons verloren. Zwischen Bern und Zürich lernen sie an diesem Tag etwas Entscheidendes: Digitalisierung ist wichtig. Struktur auch. Aber manchmal rettet einen einfach das Mitdenken von Erna.

  • ¹  Züglete: ist Berndeutsch und bedeutet Umzug von einem Haus oder einer Wohnung an eine neue Adresse, hier im wahrsten Sinne des Wortes.

In den nächsten Kolumnen werden die beiden generationenübergreifend grundlegende Themen des digitalen Bauens eruieren und sich möglicherweise zusammenraufen, um das beste Ergebnis für sich und die Firma sowie ihre Projekte, die langsam digitaler werden, zu erreichen.

(PS: Die vorangegangene Kolumne «Digitales Bauen» finden Sie hier: Folge 9)

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