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«Ufrysse¹…»

DOMBLICK - Kolumne Digitales Bauen - Prof Dr Adrian Wildenauer - BFH Berner Fachhochschule - Kolumne 9 - VÖD 15122025

Willkommen in der kleinen, imaginären Planungs- und Baufirma von Beate Bütikofer und Hermann Hugentobler, irgendwo in der Schweiz. Ausgezeichnet aufgezeichnet von Adrian Wildenauer, Professor für Digitales Bauen an der BFH Berner Fachhochschule. Heute Folge 9 der Gast-Kolumne zum Thema Digitales Bauen.

Beate bezeichnet sich selbst als «digital open native» und das ist sie mit unbändiger Leidenschaft. Immer die neuesten Gadgets dabei und flexibel im Arbeiten. Hermann bezeichnet sich selbst als «digital naiv» und hält nur bedingt etwas von neuen Technologien. Für ihn zählen sein, in farbigen Ordnern sorgfältig dokumentiertes Fachwissen sowie sein grosses und regelmässig gepflegtes Netzwerk. In den nächsten Kolumnen begleiten wir die beiden ein bisschen. Sie werden auf Herausforderungen treffen, die der Autor aus eigener Erfahrung kennt. Ähnlichkeiten mit dem realen Leben sind durchaus beabsichtigt – sind wir ehrlich, jede:r von uns kennt zwei solche Kollegen.

«Dave“ klickt sich lächelnd durch seine Folien…

14 Tage nach dem grossen CDE-Beschluss sitzen alle im Besprechungsraum. Auf der Leinwand leuchtet der Startbildschirm der neuen Software, darunter in grossen Lettern: «Willkommen in der Zukunft, Version 1.0″. Der Implementierungsberater, der sich selbst nur «Dave» nennt, klickt sich lächelnd durch seine Folien. «Ab heute wird alles zentral gespeichert – kein Chaos mehr, keine verlorenen Dateien, keine ‚final\_v3\_endgültig‘-Versionen.»

Hermann hebt sofort die Hand. «Und was ist, wenn das Internet ausfällt?» Dave räuspert sich. «Dann… äh… schauen wir mal.» Vier Stunden später war man sich dann doch einig, dass es wie bisher nicht weitergeht. Und dass man es zumindest probiert, oder wie Dave sagte, «geht nicht mehr ohne».

Digitales Bauen – tiefe Sorgenfalten

Der Enthusiasmus vom ersten Tag hält nicht lange. Bereits in der ersten Woche lädt Köbi versehentlich eine alte Kalkulation hoch. Drei Teams arbeiten stundenlang mit falschen Zahlen, bis jemand den Fehler bemerkt. Benno findet den Freigabe-Button nicht und speichert alles als Entwurf. Was dazu führt, dass die Elektroplanung drei Tage verspätet startet. Carlo markiert jeden Plan mit dem Kommentar «noch prüfen», egal ob er zuständig ist oder nicht.

Den grössten Lacher und gleichzeitig die tiefsten Sorgenfalten bringt jedoch der Montagmorgen um 07:32 Uhr. Erna versucht, den aktuellen Fassadenplan hochzuladen, verschiebt aber versehentlich die gesamte Ordnerstruktur. Plötzlich heisst der Hauptordner «Test123“ und alle Unterordner sind leer. In Panik lädt sie schnell irgendetwas hoch, «damit’s nicht so leer aussieht» und erwischt dabei die Kundenzeitschrift ‚Bäckerblume‘ der Bäckerei um die Ecke…

Zwei Stunden später stehen vier Planer ernsthaft über dem Bildschirm gebeugt und diskutieren über das «neue Fassadenkonzept mit Gipfeli-Muster». Benno verteidigt sich: «Ich dachte, das sei so eine architektonische Spielerei.» Beate schlägt die Hände vors Gesicht. «Architektur ja, Beck nei!“ und löscht den Prospekt.

Irgendwann läuft’s – oder es kracht

Als ob das nicht genug wäre, taucht am Mittag Zitas neuester LinkedIn-Post auf: ein strahlendes Selfie mit dem Kommentar «Heute CDE-Integration bei Projekt XY abgeschlossen mit null Fehler, null Stress, 100 % happy Team.» Hermann knurrt leise und steckt sich einen Post-it in die Tasche, darauf steht: «Zita nicht gewinnen lassen».

Am Freitag versammelt sich das Team wieder im Flur. Benno seufzt, aber schmunzelt: «Es ist wie Velofahren, am Anfang braucht jeder Stützräder, doch irgendwann läuft’s.» Hermann murmelt: «Oder es kracht», kann sich aber ein leichtes Grinsen nicht verkneifen. Beate schaut in die Runde, sieht müde, aber entschlossene Gesichter und sagt: «Wir bleiben dran. Jede Panne bringt uns einen Schritt weiter.» Und tief drinnen weiss sie: Das Chaos ist noch nicht besiegt, aber es ist jetzt wenigstens gut sortiert.

Warten wir mal ab, wie lange das anhält….

  • ¹ ufrysse: ist Berndeutsch und bedeutet aufreissen, hier im Sinne von Wolken nach einem Gewitter, sinnbildlich für das Chaos davor.

In den nächsten Kolumnen werden die beiden generationenübergreifend grundlegende Themen des digitalen Bauens eruieren und sich möglicherweise zusammenraufen, um das beste Ergebnis für sich und die Firma zu erreichen.

(PS: Die vorangegangene Kolumne «Digitales Bauen» finden Sie hier: Folge 8)

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